Hauptstadtflair

Wenn mein Opa „Hauptstadt“ gesagt hat, dann war klar, was er meinte. Hätte er die BRD-Hauptstadt gemeint, hätte er – mit erkennbar despektierlichem Unterton – „Bonn“ gesagt.

Und dabei hätte immer etwas davon mitgeschwungen, dass „die“ das ned so richtig im Griff ha’m.

„Die“ waren ganz wichtig. Das waren die Nicht-Bayern. Kontextsensitiv konnten das „Westfalen“ „Die Bundesregierung“ oder ähnliche Lumpen sein.

Ein wichtiger Satz in unserem Haus war „Wenn ich ja der Straß wäre…“ – es konnten dahinter beliebig lange Ausführungen folgen, was man in dem Falle mit den Russen, dem Schalck-Golodkowski oder irgendeiner anderen Pflaume von „denen“ machen würde. Hin und wieder sah mein Opa sich auch bemüßigt, dem Strauß mal ein paar Ratschläge zu geben. Das war dann „Wenn ich den Strauß mal treffen würde, dann…!“

Bei einem Besuch in der Hauptstadt kam es dann einmal dazu. Mein Opa traf FJS – den Strauß! Und zwar nicht zu einem offiziellen Anlass. Strauß hatte offensichtlich dringen noch vor München auf Toilette gemusst und irgendwo zwischen der Holledau und der Hauptstadt trafen die beiden Männer, die sich so viel zu sagen hatten, dann aufeinander. In einem Waschraum.

Und was hat mein Opa zu FJS gesagt, geblendet von der Nähe zu solch staatstragender Präsenz?

Nehmen S‘ den Seifenspender hier – der andere scheint’s leer z’sein“ – niemand soll sagen, mein Opa habe dem Strauß keinen guten Rat gegeben.

An dem Tag ist mein Opa mit seiner Gattin und seinem Null zwo-er BMW in die Hauptstadt gefahren, hat sie in eine sehr traditionsreiche Gastwirtschaft geführt und sie haben Weißwurst-Suppe gegessen. Ein Gericht, das es bei uns nicht gab. Aber meine Oma erbat sich das Rezept vom Koch – und bekam es tatsächlich. Heute nur schwer vorstellbar. Der Mann schrieb ihr Zutaten und Zubereitung mit einem frisch gespitzten Bleistift auf einen Bestellblock des Restaurants und reichte es ihr.
„Straußsuppe“ hieß diese unterschätzte bajuwarische Köstlichkeit deshalb später in unserer Familie. Es wird Zeit, diese Geschichten einmal mit der nötigen Würde aufzuschreiben. Wäre das nicht ein tolles Setting für Ermittler ohne Handys und DNA-Analysen? 😉

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